News – Prof. Dr. Michael Schmidt

Tätowierungen – Neue Studie weckt Sorgen über mögliche schwerwiegende Folgen

Im Beauty-Talk auf der BeautyMesse in Düsseldorf sprach ich vor einigen Jahren mit Franziska van Almsieck unter anderem über ihre Permanent-Tätowierungen. Für Franziska und ihren Ex-Partner Stefan Kretzschmar waren das keine Modeerscheinungen, sondern Mantras, die ihre eigene Geschichte erzählen. Heute bereut Stefan Kretzschmar seine exzessiven Ganzkörpertätowierungen etwas. Er gehe nur noch mit T-Shirt ins Freibad, da die Tattoos wegen seiner etwas weicheren Muskulatur nicht mehr sehr ansprechend aussähen. Oder wie es so schön heißt: Der Adler auf dem Bizeps sieht in zwanzig Jahren aus wie eine überfahrene Katze! Was früher als individueller Ausdruck der Persönlichkeit funktionierte, klappt heute kaum noch. Der Mainstream hat dafür gesorgt, dass heute eher die Untätowierten auffallen, Tätowierungen sind zu einem Massenphänomen ohne Wiedererkennungswert geworden.

Was mich abgesehen von den ästhetischen Spätfolgen schon immer skeptisch gemacht hat, sind die weitgehend ungeklärten Folgen einer Tattoo-Sucht. Damit meine ich ausdrücklich nicht die Verwendung von einzelnen Tattoos als Ausdruck der Persönlichkeit oder um wichtige Erinnerungen festzuhalten oder schwere Lebenskrisen zu verarbeiten. Es kommt wie immer auf das richtige Maß an. Das großflächige Bedecken der Hautoberfläche könnte schon an eine Psychose oder an ein suchtmäßiges Verhalten denken lassen. Und das ist dann aus medizinischer Sicht ein Problem. Nach und nach beschäftigen sich immer mehr seriöse Studien mit diesem Thema. Was also gibt es Neues?

  1. Der Körper reagiert sofort! Die permanenten Farbpigmente werden unter die oberste Hautschicht in die Dermis (Lederhaut) gespritzt, um eine dauerhafte Pigmentierung zu erzielen. Unsere dort ansässigen Immunzellen erkennen die Pigmente als Fremdkörper. Eine Spezialeinheit, die sogenannten Fresszellen (Makrophagen) nehmen einen Teil der Pigmente auf und transportieren sie in die Lymphknoten. Andere Immunzellen setzen Entzündungsstoffe ein, um die Pigmente an Ort und Stelle zu vernichten. Dabei entstehen Freie Radikale, die nicht nur die Pigmente, sondern auch unsere Hautzellen angreifen.
  2. Je nach individueller Immunsituation treten also zunächst örtlich begrenzte Entzündungsreaktionen in der Haut auf. Aber auch wenn diese Erstreaktionen nach kurzer Zeit abklingen, bleiben die Permanentfarben eine immerwährende Irritationsquelle. Gerade diese „Schwelbrände“ (auch unterschwellige Entzündungen genannt) sind eine Ursache für die vorzeitige Alterung der Haut, da die entstehenden Freien Radikale die Bildung von „altem“ Kollagen provozieren.
  3. Während die verstärkte Bildung von unterschwelligen Entzündungen und vorzeitiger Hautalterung gut nachgewiesen werden konnten, ist der weiter gehende Zusammenhang von Tätowierfarben mit Herz-Kreislauf-Problemen bis hin zu Krebserkrankungen nicht sicher.
  4. Auch ob die in die Lymphknoten verschleppten Pigmente für ein erhöhtes Auftreten von Lymphdrüsenkrebs verantwortlich gemacht werden können, ist zur Zeit noch nicht endgültig geklärt, da auch hier die Studienergebnisse unterschiedlich ausfallen. So zeigte eine schwedische Studie an über 10.000 Probanden, dass das Risiko für ein Lymphom bei großflächig Tätowierten höher ist als bei Untätowierten. Dagegen verweist die WHO auf andere Studien, die einen solchen Zusammenhang nicht finden konnten.
  5. Weitere Studien untersuchen zur Zeit, ob Tätowierungen mit Autoimmunerkrankungen in Verbindung stehen könnten, bei denen das Immunsystem eine zentrale Rolle spielt.
  6. Ein einfach nachzuvollziehendes Argument vieler Dermatologen gegen großflächige Pigmentierungen ist das Überdecken von Hautveränderungen. So könnten Krebsvorstufen wie die aktinische Keratose und Hautkrebserkrankungen nicht rechtzeitig erkannt werden. Das ist in der Tat ein großes Problem, denn gerade bei Hautkrebs ist das rechtzeitige Erkennen und frühzeitige Entfernen von verdächtigen Hautstellen lebenswichtig.
  7. Was passiert, wenn Tattoos entfernt werden sollen, weil sie nicht mehr zu der Lebenssituation des Betroffenen passen oder wenn einfach Platz für neue Tattoos geschaffen werden soll? Entfernen lassen sich die permanenten Pigmente selbst mit speziellen medizinischen Lasern nur mit großem Aufwand und Strapazen für die Haut und oft nicht vollständig. Ob das gelingt, hängt stark von den verwendeten Farben und der Einlagerungstiefe der Pigmente ab. Oft bleibt eine ästhetisch unbefriedigende Schattierung oder eine Veränderung der Hautstruktur zurück. Dabei sprechen generell dunkle Töne wie Schwarz, Blau und Braun besser auf den Laser als helle Farben wie Gelb, Hellblau, Weiß oder Neonfarben an. Zudem besteht das Risiko von Narbenbildung, Verbrennungen oder Pigmentstörungen (helle oder dunkle Flecken auf der Haut).

Was bedeutet das nun insgesamt?

Zunächst sollte jedem klar sein, dass eine Tätowierung mit Permanentfarben wortwörtlich eine ziemlich dauerhafte Angelegenheit ist. Wer sich nicht sicher ist, die Tattoos noch in einigen Jahren zu mögen oder wer Bedenken hinsichtlich der gesundheitlichen Folgen hat, kann gut auf nicht-permanente hautfreundlichere Tätowierungen ausweichen. Dabei werden die Pigmente in der oberen Hautschicht, der Epidermis eingelagert und verschwinden in 2-4 Wochen mit der natürlichen Abschilferung der Haut. Auch wenn bisher ein unmittelbarer Zusammenhang von tieferliegenden permanenten Tätowierungen mit schwerwiegenden Erkrankungen nicht sicher nachweisbar ist, so stellen die körperfremden Tätowierfarben dennoch eine Herausforderung für unser Immunsystem dar, mit Folgen für die Alterung der Haut und verbunden mit einer erhöhten Irritationsanfälligkeit. Was sich darüber hinaus nach dem Tätowieren im Körper abspielt, ist sehr viel komplexer als bisher angenommen. Und die Forschung hat erst damit begonnen, unter die Oberfläche zu schauen.

Ob untätowiert oder tätowiert: Gegen die unterschwelligen Entzündungen und deren Folgen können wir einiges tun. Besonders achten sollten wir auf entzündungsarme Ernährung mit wenig Fleisch und vielen Antioxidantien aus Gemüse und Obst, möglichst viel Bewegung an frischer Luft, ausreichende Entspannungsphasen, um das Immunsystem zur Ruhe zu bringen und nicht zuletzt auf eine gute Hautpflege mit entzündungshemmenden und barrierestärkenden Wirkstoffen. Ein sehr gut untersuchter Wirkstoff ist z.B. die Glycyrrhetinsäure aus der Süßholzwurzel, die nach unseren Untersuchungen bei manchen chronischen Entzündungen stärker beruhigend wirkt als die problematischen Kortikoide. Zusätzlich können Antioxidantien aus Pflanzenextrakten gegen die hautschädigenden Freien Radikalen eingesetzt werden.

Haben Sie Fragen? Gerne unter: prof.schmidt.michael@t-online.de